Verpressung von Treibhausgas in Deutschland „Der Markt für CO2 wird größer als der Markt für Erdöl heute“

CCS Quelle: Getty Images

Kohlendioxid unterirdisch zu verpressen, ist umstritten – erst recht in Deutschland. Doch der frühere Leiter des deutschen Forschungsstandorts sagt: Der CO2-Markt wird  weltweit wichtiger als der Ölmarkt heute.

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WirtschaftsWoche: Herr Professor Schilling, Sie haben das deutsche Pilotprojekt zur Verpressung von Kohlendioxid geleitet. Lässt sich Treibhausgas bei uns so unter die Erde bringen?
Frank Schilling: Wenn man es gut vorbereitet und an der richtigen Stelle macht, funktioniert es. Man muss den Untergrund genau kennen. Eine geeignete Struktur ist ähnlich wie die für einen Erdgasspeicher oder eine Erdöllagerstätte. Sie muss nach oben abgedichtet sein und darunter ist poröses Gestein. In diesen Hohlräumen lässt sich das CO2 sicher speichern, es verbindet sich dann auch mit dem Gestein.

Wirtschaftsminister Robert Habeck will CCS ermöglichen. Wo stimmen dafür die Voraussetzungen in Deutschland?
Natürlich eignen sich ehemalige Erdgas- oder Erdölfelder. Wir kennen die Gesteine dort und es besteht ein Reservoir, das nach oben abgedichtet ist. In der Altmark in Sachsen-Anhalt zum Beispiel war mal das zweitgrößte Erdgasfeld Europas. Das ist leergefördert, früher war Erdgas drin, jetzt ließe sich CO2 einfüllen. Die Speicher sind in solcher Tiefe, dass auch das Grundwasser nicht gefährdet wäre. Eine andere Formation wären poröse Gesteine in großer Tiefe, in deren Zwischenräumen sich Wasser befindet. Das Wasser ließe sich durch CO2 ersetzen.

Gibt es davon überhaupt genug Füllräume unter Deutschland?
Das Volumen, das wir langfristig benötigen, ist sicher um ein Vielfaches größer, als mit leergeförderten Gas- oder Ölfeldern zur Verfügung steht. Die zweite Möglichkeit wären poröse Gesteine. Die liegen unter einer oft 200 Meter dicken Tonschicht, eine Schicht, die  dichter ist als jeder Beton. Für jeden, der sich das nicht in der Tiefe, sondern über der Erde vorstellen möchte: Da wäre dann eine 200 Meter breite Betonwanne zwischen dem CO2 auf der einen Seite und den Menschen auf der anderen. Das Erdgas wurde Jahrmillionen so gehalten, bei CO2 wäre das vergleichbar. Da ist praktisch nichts durchgekommen. Man kann auch den Buntsandstein mit seinen Poren nutzen.

Zur Person

Es gibt dennoch Angst vor CO2, das austritt, wo Menschen leben. Wie sicher ist das alles?
Absolute Sicherheit gibt es nicht. Wenn man es gut vorbereitet, ist es so sicher, dass ich drüber wohnen würde. Die Länder, die das schon kommerziell betreiben, haben damit unter dem Meer angefangen. Das ist klug, um Erfahrung zu sammeln. Man muss sich der Angst der Menschen stellen. Man kann sie aber mitnehmen, wenn man die Dimensionen und technische Zusammenhänge erklärt. 100 Prozent werden sich mit den Argumenten nicht zufriedenstellen lassen. Das hat im Bergbau noch nie funktioniert – und damit ist es vergleichbar.

Wie viel Speicherplatz für CO2 gibt es nach diesen Maßstäben unter Deutschland?
Über den Daumen gibt es wohl Kapazität für all das CO2, das eine Generation Kohlekraftwerke ausstößt, Emissionen über 25 bis zu 40 Jahre oder 300 Millionen Tonnen CO2 jährlich. Da gibt es also Grenzen. Jenseits von Deutschland gibt es jedoch enorme Potenziale, in der Nordsee in Richtung Norwegen etwa. Dort laufen auch die großen Projekte mit dieser Technologie bisher. Equinor in Norwegen ist im Sleipner-Feld in der Nordsee schon relativ weit.

von Florian Güßgen, Cornelius Welp, Christian Schlesiger

Die Speicher sind in Deutschland begrenzt, der Ausstoß aber ist vergleichsweise hoch. Was ist der Vorteil davon, das Gas zu exportieren?
Im Meeresboden ist es noch sicherer als unter dem Festland. Unter der Nordsee könnten sich, so sagen manche, Speicher für alle Emissionen Europas für 1000 Jahre finden. Das ist enorm. Wo heute viel Erdgas gefördert wird, kann man viel CO2 speichern.

Das wirkt aufwendig. Welche Wege und Kosten muss man kalkulieren?
Die Abscheidung an der Quelle, also beispielsweise am Zementwerk, ist in der ganzen Kette das Teuerste. Da wird das CO2 förmlich rausgewaschen. Der Transport geht am einfachsten über Pipelines. Bei den bestehenden Pilotanlagen werden Schiffe eingesetzt. Irgendwann aber schaffen das Schiffe nicht mehr. Das Pipeline-System gibt es aber noch nicht. Eine solche Pipeline zu bauen kostet pro Kilometer etwa eine Million Euro. Und es kostet ungefähr 20 bis 30 Euro, um eine Tonne CO2 am Ort, wo es in großen Mengen entsteht abzuscheiden, also bei Zementwerken oder in der Stahlindustrie.

Umweltschützer kritisieren, CCS schmälere den Ehrgeiz, CO2 zu vermeiden. Ist die Technik eine Option, um insgesamt leichter klimaneutral zu werden oder nur Ausweg für wenige Prozesse, etwa die Zementherstellung, wo immer Treibhausgas anfällt?
Das ist eine Technologie, die hin zur Klimaneutralität helfen kann. Dieser Weg ist ein Marathon und wir haben noch nicht mal die ersten zehn Kilometer geschafft. Wir brauchen die Unterstützung dieser Technologie vermutlich auf die letzten 30 Kilometer hin. 

Aber?
Man muss schon ehrlich sein. Bei allen Szenarien mit 100 Prozent erneuerbarer Energie werden wir auch noch eine Reserve Gaskraftwerke brauchen und prozessbedingte Emissionen wie beim Zement müssen wir auch bedenken. Da hilft dann CCS auch. 

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Hält uns CCS nicht von ehrgeizigem Klimaschutz ab, lassen sich so doch lästige Treibhausgase wegschaffen? 
Wenn wir Klimaschutz wollen, brauchen wir diese Technologie. Es geht um große Dimensionen. Der Markt für CO2 ist potenziell größer als der Markt für Erdöl heute. Das Argument der Umweltschützer höre ich seit 15 Jahren. Aber auch ohne CCS ist Deutschland Schlusslicht bei der CO2-Vermeidung. Wir geben in Westeuropa im Vergleich das meiste Geld für die Vermeidung aus, erreichen damit aber am wenigsten. Wir müssen die Ziele überhaupt erstmal ehrgeizig verfolgen. Es gibt eigentlich keine Szenarien mehr, sagen Klimaforscher, in denen wir unsere selbst gesteckten Klimaschutz ohne die Technik erreichen können.

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